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Fakultätsübergreifender Forschungsschwerpunkt Wissenschaftsreflexion

Der Forschungsschwerpunkt Wissenschaftsreflexion bündelt geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungen über die sozialen, erkenntnistheoretischen, normativen und kulturellen Bedingungen von Wissenschaft. Beteiligt sind Fächer der Philosophischen, Wirtschaftswissenschaftlichen und Juristischen Fakultät.

Wissenschaftsreflexion: The challenge of the grand challenges

Zur Lösung der meisten großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden weltweit beträchtliche Erwartungen in zukünftiges wissenschaftliches Wissen gesetzt. Ob Klimawandel, Welternährung, Ener-gieversorgung, Gesundheitsentwicklung, Artensterben oder Wassermangel – für die Bewältigung dieser Problemfelder wird allgemein jeweils eine starke und innovative Forschung als unabdingbar angesehen. Doch die erfolgreiche Entwicklung, Vermittlung und Anwendung wissenschaftlichen Wissens stellt selbst eine große Herausforderung dar. Die stetige Zunahme der Wissenserzeugung schafft eine kaum noch zu bewältigende Flut neuen Wissens, auf die die Wissenschaften selbst durch disziplinäre Differen-zierung reagieren: Eine immer feinere Definition wissenschaftlicher Spezialisierungen soll es Forschenden ermöglichen, auf ihrem jeweiligen Gebiet mit dem Strom neuer Erkenntnisse mitzuhalten. Für potentielle Anwenderinnen und Anwender des Wissens stellt dieser hohe Spezialisierungsgrad nicht selten ein Problem dar. Die praktischen Probleme halten sich nicht an die Klassifikationsgrenzen unseres Wissenschaftssystems. So kommt die Forderung nach transdisziplinärer Forschung auf, bei der die Wissenserzeugung möglichst nah an den Anwendungskontext rücken soll. Zugleich scheint aber auch die primär erkenntnisorientierte Untersuchung allgemeiner und grundlegender Kausalzusammenhänge und Mechanismen nicht vernachlässigt werden zu dürfen. Dieses Spannungsfeld, in dem sich Wissen-schaftlerinnen und Wissenschaftler immer häufiger finden, wird in vielen Fällen durch die Kräfte einer zunehmenden Ökonomisierung, Politisierung und Medialisierung der Wissenschaften verstärkt. Mit dem Vermögen der Wissenschaften, zu immer komplexeren Themen Aussagen treffen zu können, wachsen auch die öffentlichen Erwartungen an sie, schnelle Antworten auf dringende Fragen zu liefern. Der dadurch entstehende Druck kann in einem politisch aufgeladenen Klima bis hin zu einer Krise der Glaubwürdigkeit von Wissenschaft eskalieren, wie man es an der US-amerikanischen Diskussion um die Klimawissenschaften beobachten kann. Auch in anderen Themenbereichen, die Gegenstand kontroverser Beurteilungen sind, muss Wissenschaft immer wieder um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen. Oft ist dies aufs Engste mit ihrer Fähigkeit verknüpft, einen Beitrag zur Lösung von Zukunftsproblemen zu leisten, weil dafür eine sozial robuste öffentliche Anerkennung der wissenschaftlichen Expertise erforderlich ist. Zu den Herausforderungen des Wissenschaftssystems zählen auch die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten sowie die weiteren, vielschichtigen Aufgaben der Hochschulen. Entwicklungen wie die wachsende Akademisierung von Ausbildung, die zunehmende Diversität der Studierendenschaft oder das Aufkommen von Konzeptionen des Studiums als lebenslanges Lernen deuten über (eng verstandene) Wissenschaftskontexte hinaus und verweisen auf Transformationen, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen.

Wissenschaft versteht sich nicht von selbst

Während die Wissenschaften in immer weitere Bereiche des Lebens erfolgreich vordringen, stellen sie damit noch nicht automatisch die Voraussetzungen ihres eigenen Erfolges sicher und erklären diese auch nicht. Selbst ihre größten Leistungen erhellen nicht im selben Zug die Bedingungen dieses Gelingens. Auch unter Bedingungen des Scheiterns – wenn es etwa misslingt, wissenschaftlichem Wissen gesell-schaftliche Geltung und Anerkennung zu verschaffen – versteht sich Wissenschaft nicht von selbst. Das erforderliche Verständnis kann vielmehr nur eine gezielte wissenschaftsreflexive Forschung her-stellen. Wissenschaft ist, als ein soziales, kulturelles und kognitives Phänomen, Gegenstand geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Unter Beteiligung diverser geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen nimmt wissenschaftsreflexive Forschung die vielfältigen Bedingungen unter die Lupe, unter denen die Erzeugung, Verbreitung, Aufnahme und Anwendung wissenschaftlichen Wissens stehen. Die Leibniz Universität Hannover hat sich zu einem Zentrum dieser Forschung entwickelt. Da Wissenschaft, wie oben angedeutet, ein strukturbildendes soziales Feld ist (und dies in wachsendem Maße), ist Wissenschaftsreflexion immer auch ein Beitrag zur Gegenwartsdiagnose.

Wissenschaftsreflexion – ein interdisziplinäres Forschungsfeld

Die Wissenschaften stehen in ihrem Wirken unter sozialen, kulturellen, erkenntnistheoretischen und normativen Voraussetzungen, die sich selbst im allgemeinen außerhalb ihres eigenen Betrachtungs- und Wirkbereichs befinden. Verschiedene wissenschaftsreflexive Arbeitsfelder wirken in der Erforschung dieser verschiedenen Bedingungsbereiche zusammen.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Torsten Wilholt, Institut für Philosophie
torsten.wilholt@philos.uni-hannover.de